German Translation of Queen Rania's speech at the Walther Rathenau Prize Ceremony- Berlin

September 17, 2015

Frau Bundeskanzlerin Merkel, Herr Steinlein, Herr Dr. Hoyer, meine Damen und Herren,

für ihre freundlichen Worte und für diese große Ehre danke ich Ihnen sehr. Demütig nehme ich diesen Preis an. Ich tue dies im Namen des Volkes von Jordanien, das täglich, durch Worte und Taten, die Werte, die das Leben Walther Rathenau‘s definierten, demonstriert.

Werte wie Mut und Mitgefühl. Gleichheit und Verständnis. Toleranz und gegenseitiger Respekt. Mit anderen Worten, grundlegender menschlicher Anstand.

Das sind Werte, die unsere beiden Nationen teilen; der Dreh- und Angelpunkt der andauernden Freundschaft zwischen den beiden Völkern. Heute mehr als je zuvor, wo sich beide Nationen an der Spitze einer tragischen humanitären Notlage befinden. Ich spreche natürlich vom Exodus Tausender syrischer Flüchtlinge, verzweifelt nach Sicherheit, Zuflucht und Unterstützung suchend.

Die verschiedenen Reaktionen auf diese Katastrophe... die Reaktionen der Menschen in Deutschland ... der Bundesregierung ... und von Ihnen, Frau Bundeskanzlerin, diese Reaktionen ehren wahrhaftig das Andenken an Walther Rathenau und hauchen neues Leben in sein Vermächtnis ein.

Stellen Sie sich Rathenau‘s Stolz auf den massiven Anstieg der Freiwilligenarbeit vor, während die Deutschen ihre Zeit und Energie anbieten, um das Leiden anderer zu lindern.

Oder die Großzügigkeit des Geistes, in dem die Deutschen Sachspenden leisten um Syrern zu helfen, die nur mit dem ankommen, was sie am Leibe tragen.

Oder die Refugees Welcome Initiative, die deutschen Bürgern, die bereit sind ihr Zuhause zu teilen, Flüchtlinge zuordnet.

Die deutsche Bevölkerung tut etwas, was die Autorin J. K. Rowling einmal wie folgt beschrieb: „...denken sich in die Köpfe anderer Menschen“ und versetzen sich „ in anderer Menschen Lage“ hinein.

Sie stellen sich vor, was die Flüchtlinge ertragen und was sie verloren haben. Wie erschöpft sie durch lange und gefährliche Reisen sein müssen. Sie stellen sich die Angst einer Mutter vor, während sie ihr Baby umklammert. Oder die Fassungslosigkeit eines Großvaters, der kein Deutsch spricht. Und dadurch, dass sie sich in die Köpfe der Syrer hineinversetzt haben, übernahm der Instinkt zu helfen. Das ist grundlegender menschlicher Anstand.

Mein verstorbener Schwiegervater, König Hussein, ein Mann, der Demut und Barmherzigkeit verkörperte, traf nie eine Entscheidung ohne vorher bildlich „in den Schuhen Anderer zu laufen“. Obwohl dies sehr große Schuhe sind, bin ich von meinem Ehemann, König Abdullah, und den Menschen von Jordanien, die dieses Erbe verkörpern, inspiriert. Ein Erbe, welches bis zum heutigen Tag die humanitäre Politik in Jordanien leitet. Derzeit beherbergt unser kleines Land 1,4 Millionen Syrer. 20% unserer Bevölkerung. Dies trotz der Tatsache, dass wir von Armut und Arbeitslosigkeit belastet sind. Trotzdem tun wir unser Bestes mit dem, was wir haben. Und ich könnte nicht stolzer auf die Selbstlosigkeit und Güte der Jordanier sein.

Damit syrische Kinder ihre Ausbildung fortzsetzen und zur Ruhe kommen können, öffneten wir unsere Klassenzimmer. Erweiterten die Schulstunden. Und viele unserer Lehrer arbeiteten in Doppelschichten.

Damit Syrer Unterschlupf finden und sich vom Trauma des Konflikts erholen können, begrüßten Jordanier Flüchtlinge in ihren Städten. Und unterstützten sie in praktischen Weisen ... mit zahllosen Handlungen der Güte.

Damit sich die Probleme der Syrer nicht noch zusätzlich durch Krankheiten verschlechterten, haben wir ihnen, in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen, Zugang zu kostenloser Gesundheitsversorgung ermöglicht, einschließlich der öffentlichen Krankenhäuser.

Nächste Woche, während wir den muslimischen Feiertag Eid al-Adha begehen, weiss ich, dass diejenigen, die mit Glück gesegnet sind, das was sie haben mit denjenigen teilen werden, die so viel verloren haben.

Es geht um Mitgefühl. Ohne Mitgefühl kann es keine Barmherzigkeit geben. Und ohne Barmherzigkeit schwächen wir das Fundament unserer gemeinsamen Menschlichkeit.

In einer Welt der sofortigen-24-Stunden-erreichbar-Verbindungen, in der nichts mehr ‚lokal‘ bleibt, wo sich eine ferne Krise ihren Weg bis vor unsere Haustür bahnen kann, und wo irgendein Gespräch allerorts seinen Nachhall findet, ist der grundlegende menschliche Anstand unsere stärkste Währung, die unsere globale Familie hat.

Doch fürchte ich, daß dies vielerorts abgewertet wird. Manchmal schon durch die zerstörerische und irreführende Macht eines einfachen Wortes. Verwenden Sie eine Überschrift ... einen Hashtag ... oder einen Sound bite oft genug, und es wird einen Weg in unsere Denkweise finden. Ob es richtig ist oder nicht.

Hier ist ein Beispiel: Flüchtling oder Migrant?

Nun könnte man meinen, sie bedeuten ein und dasselbe, weil diese Begriffe austauschbar verwendet werden.

Aber sie sind nicht gleich.

Migranten entscheiden sich wegen einer Vielzahl an Gründen dafür, ihre Heimat zu verlassen: wegen der Arbeit, wegen der Ausbildung, um ihre Familien zusammenzuführen. Migranten können sich entscheiden wieder nach Hause zurück zu kehren und sie werden nach wie vor eine Regierung vorfinden, welche sie schützt.

Flüchtlinge sind Menschen, die vor Krieg oder Verfolgung über eine internationale Grenze hinweg fliehen. Sie haben keine Wahl, als um ihr Leben zu rennen. Und somit sind sie völkerrechtlich zu Schutz und Asyl berechtigt. Zu Gerechtigkeit und Würde.

Stattdessen werden wir mit schockierenden und herzzerreissenden Bildern konfrontiert. Meere, die von Körpern übersät sind. Provisorische Lager. Wüstengräber. Lastwagen, die sich als Todesfallen entpuppten. Und das massgebliche Bild dieser Tragödie, tote Kinder die an Stränden angespült werden. Als Treib- und Strandgut eines Konflikts, welchen sie zu jung zu verstehen sind.

Anstatt eine beispiellose Welle menschlicher Güte hervorzurufen, haben stattdessen einige Teile der Gesellschaft einen neuen und hässlichen Wortschatz in unseren Newsfeeds entfesselt.

Wo einst das Wort "Flüchtling" zu Recht Gefühle des Mitgefühls und der Barmherzigkeit erweckte, werden nun Flüchtlinge und Migranten verschmolzen. Ihrer wahren Definition beraubt, werden sie mit stumpfen Abwertungen bezeichnet, als ob einige Menschenleben einen geringeren Wert haben als andere.

Eindringlinge. Plündernde Ausländer. Und schlimmeres.

Es erinnert mich an ein Graffiti des britischen Künstlers Banksy, der an eine Wand schrieb: Ich sehe Menschen, aber keine Menschlichkeit.

Nicht nur, dass diese Bezeichnungen nicht einmal ansatzweise beschreiben können, welchen Horror Flüchtlinge ertragen mussten; es gibt Hinweise darauf, dass eine solche Sprache die Art, wie wir denken, beeinflusst - auf subtile Weise. Auf Arten, die uns nicht einmal bewusst sind.

Und das ist die eigentliche Gefahr. Im Laufe der Zeit verschleiern solche Bezeichnungen die Menschlichkeit einer Person und lassen zu, dass sich Misstrauen einschleicht und Intoleranz aufbaut. Dass sich Angst festsetzt und Mauern hochgezogen werden. Jeder Seitenblick, jede abfällige Bemerkung, jede Bezeichnung ... untergräbt unser kostbarstes Gut: elementarer menschlicher Anstand.

Meine Damen und Herren, in einem Krieg gefangen zu sein heisst nicht, dass man weniger Menschenliebe verdient; man ist umsomehr auf sie angewiesen!

Hier weitere zwei Worte, die oft missbraucht werden, mit ebenso verheerenden Folgen. Muslim und Extremist.

Der Eine ist ein Anhänger des Islam, meiner geliebten Religion des Friedens, Mitgefühls und Verständnisses. Der Andere ist ungläubig, böse und nimmt keine Rücksicht auf die Heiligkeit des menschlichen Lebens.

Beide Worte sind nicht miteinander verbunden. Tatsächlich könnten beide Worte nicht weiter voneinander entfernt sein. Aber viele nutzen weiterhin Redewendungen wie "extremistischer Muslim " oder "islamischer Terrorist“. Abwertende Bezeichnungen, die nicht nur Annahmen über den Charakter von Millionen von guten und anständigen Menschen transportieren, sondern auch eine Abwärtsspirale des Misstrauens und des Missverständnisses in Bewegung setzen.

Aber schauen Sie über die Bezeichnungen hinweg und wir erkennen schnell, dass wir mehr Gemeinsamkeiten als Differenzen haben.